Viertausender der Alpen

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  Grandes Jorasses (Pointe Walker) (4208 m)  
  Montblanc-Gruppe  
Photo © Martin Friedrich
Erstersteigung 30.6.1868
Melchior Anderegg, Horace Walker, Johann Jaun d.J., Julien Grange
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GPS-Koordinate 6.988024° ö.L. /45.868812° n.B. (WGS84)  
Normalweg(e) Südwestflanke und Whymperrippe  
Schwierigkeit ZS-, III, 50°
Ausgangspunkt Rifugio Gabriele Boccalatte (2804 m)
Talort Planpansier (1579 m)
Weitere Routen Westgrat  
Schwierigkeit S, IV
Ausgangspunkt Bivacco E. Canzio (3825 m)
Talort Planpansier (1579 m)
Führer Mont-Blanc-Gruppe  
Hartmut Eberlein

Mont Blanc Massif (Vol.I)  
Lindsay Griffin
 
Karte(n) IGN 3630 OT
Chamonix
Institut Géographique National, 1:25000
Beiträge Schneesturm an der Pointe Walker (28. Juli 2006)
Besteigungsbericht

Die Grandes Jorasses, ein Bergmassiv mit Alpingeschichte: Fünf Gipfel ragen nach UIAA-Definition als eigenständige Viertausender über die magische Höhe, die Alpenberge für viele Hochtouristen attraktiver machen. Wir starten unsere Tour über den vergleichsweise einfachen Normalweg auf der Südseite des Berges. Vom Parkplatz in Planpincieux im Val Ferret, das von Chamonix aus durch den Mont-Blanc-Tunnel erreicht werden kann, erhebt sich erdrückend steil die Flanke dieses eindrucksvollen Berges. Hier ragt der höchste Punkt, die Pointe Walker, auf nur 4 km Horizontaldistanz rekordverdächtige 2600 m in den Himmel. Wildzerissene Gletscher und kühne Felsgrate unterstreichen hier die Ernsthaftigkeit der Umgebung.


Die Grandes Jorasses über dem kleinen Dorf Planpincieux im Val Ferret

Zunächst geht es jedoch vom Parkplatz, an dem ein Schild 3:30 h zum Rifugio Boccalatte weist, auf den mit der Nr. 21 markierten Weg, welcher kaum zu verfehlen ist, sofern eine gewisse Wachsamkeit vorhanden ist. Nach der kleinen Kirche des Ortes geht es durch lieblichen Wald langsam aufwärts. Die Vegetation wird aber schnell karger und eine erste Geländestufe wird erreicht. Gelbe Pfeile geben die Richtung an, wenn der Pfad über Felsstufen ohne eindeutige Trittspuren leitet. Nach der Überquerung zweier Bäche wird es wieder steiler und schließlich mündet der Weg in ein Felscouloir, das mittels einer Leiter überwunden wird. Für einen Hüttenzustieg wird der Pfad zunehmend anspruchsvoller - gelegentlich weisen auch rote Achten den bequemsten Weg hinauf in diese eindrucksvolle Welt oberhalb der Täler. Hin und wieder kommen einem auf dem Hüttenweg arg geschundene Zeitgenossen entgegengetorkelt. Bevor man sich dann bemitleidend zeigt, sollte in Erwägung gezogen werden, dass es sich vielleicht um harte Typen handelt, die die Nordwand der Grandes Jorasses gemacht haben (erkennbar zum Beispiel an Biwakausrüstung, Isomatte o.ä.). Der Schlussanstieg zur Hütte schließt dann mit seinen Fixseilen endgültig die meisten Familienwanderungen mit Kindern aus und auf der kleinen Hüttenterrasse angekommen blickt man in Gesichter kerniger Bergsteiger oder vor dem Abstieg sich fürchtender Wanderer.


Vor und nach der Tour am Rifugio Boccalatte...

Am Nachmittag erkunden wir noch die zweihundert Höhenmeter bis zum Gletscher, was sicher keine schlechte Idee ist, wenn die Strecke im Dunkeln zurückgelegt werden soll, obwohl zahlreiche Steinmänner die verschiedenen Varianten auch im Lichte der Stirnlampe erkennen lassen sollten.

Die Hütte selber ist vergleichsweise klein aber sehr gut geführt von einer jungen Italienerin und einem US-Amerikaner. Eine ganz andere Welt als die des Rifugio Torino mit seinem überteuerten Essensfraß! So bekommen wir hier ein sehr leckeres Abendessen (Polenta kann auch Geschmack haben) mit selbstgebackenem Brot und Kuchen als Dessert serviert.

Um viertel vor drei des nächsten Kalendertages ist es endlich soweit, dass wir Hand anlegen an die Felsen oberhalb der Hütte, um den Gipfel anzugehen. Nach dem Gewitter am Vorabend ist es nun sternenklar. Auf dem Gletscher geht es steil aufwärts, wechselnd über apere und schneebedeckte Bereiche - also nicht ganz ungefährliches Gelände hinsichtlich der Spaltensturzgefahr. Zu den Reposoir-Felsen ist der Weg mühsamer und länger als erwartet. Im Dunkeln müssen wir den Weg zwischen Spalten suchen - eine Spur ist nicht immer auszumachen, denn die starke Sonneneinstrahlung und die geringe Zahl der Begehungen haben hier keine Trasse entstehen lassen. Der Himmel zieht sich derweil zu und leichter Regen setzt ein. Beginnende Zweifel meinerseits an der Vernünftigkeit des Aufstiegs beseitigt mein Tourenpartner Markus mit dem Ausruf eines entschiedenen "Natürlich!".

Am Fuße der Reposoir-Felsen angekommen leiten uns Trittspuren im Schnee zur rechten Flanke. Wir suchen nach dem IIer-Gelände, das es hier geben soll, um hinaufzukommen. Stattdessen finden wir uns kletternd im IIIer-Gelände wieder an einer Abseilstelle. Wir fragen rufend die Bergführerpartie, die inzwischen auch den Fuß der Felsen erreicht hat, nach dem Weg und der Bergführer deutet uns an, dass es weiter links besser sei. Dort angekommen ist dies in der nun angebrochenen Dämmerung auch offensichtlich. Nützlich wäre aber ein Hinweis in der Literatur gewesen, dass man sich einfach nicht zu weit rechts halten soll im Gelände der Abseilpisten. An der richtigen Stelle geht es nun deutlich besser nach oben - wir halten uns dabei im Wesentlichen auf der wenig ausgeprägten Schneide der Reposoir-Felsen mit gelegentlichen Abweichungen. Die Felsen sind in der Regel fest - es gibt allerdings auch Abschnitte mit kühn übereinander gestapelten Blöcken.


Der zu querende Gletscher am Ende der Reposoir-Felsen und die Whymper-Rippe auf der anderen Seite

Bis dort, wo die Reposoir-Felsen in den Gletscher eintauchen, bleibt das Gelände großteils ernst - ein vermeintlicher Halt an einem losen Felsquacken kann hier fatale Folgen haben. Aber auch nach diesem Felsabschnitt wird es nicht ungefährlicher sondern nur anders. Ein großes Gletschercouloir wird horizontal zur Whymper-Rippe hin gequert. Die Eis- und Steinschlaggefahr scheint zur Zeit aber gering zu sein, denn es liegen nur wenige Brocken herum. Die Firnpassage ist schnell durchgeführt und so geht es schon wieder in die Felsen. Ein Fixseil und ein paar Schlingen weisen den Weg schräg hinauf auf die Felsrippe. Wir beschließen, diese wieder zu verlassen, um auf der anderen Seite über die Südwest-Flanke aufzusteigen, von der zur Zeit wegen Eisschlaggefahr abgeraten wird. Unser Plan ist die Überschreitung von der Pointe Walker zur Pointe Whymper mit Abstieg über die Whymper-Rippe. Auch die Südwest-Flanke wirkt nicht über die Maßen von Eisschlag bedroht. Wird die Grandes-Jorasses-Besteigung als Tour mit langen Gletscher- und Eispassagen beschrieben, so nehmen diese tatsächlich eher weniger Zeit in Anspruch, auch wenn die zurückgelegte Geländestrecke darin größer ist. Zügig gelangen wir weiter, wobei wir einige Spalten oder Bergschründe überspringen oder vorsichtig überschreiten müssen.

Das kombinierte Gelände am Süd-Grat leitet uns langsam hinauf, obwohl wir am laufenden Seil mit gelegentlichem Sichern über Felszacken meist gleichzeitig klettern. Das Wetter ist mittlerweile deutlich schlechter geworden. Zunehmend verringert sich die Sichtweite und es fallen Graupeln. Kurz unter dem Gipfel ziehen wir wärmere Sachen an, denn ein Schneesturm entwickelt sich. Auf dem Weg zum höchsten Punkt fühlen wir uns entrückt in arktische Regionen. Damit ist die Pointe Walker für uns dann auch kein Ort des Verweilens. Nach einem herzlichen "Berg heil!" und einem nicht weit hinab reichenden Blick in die Nordwand wenden wir uns in Richtung Pointe Whymper.


Wo ist der Walker-Pfeiler? Weder Tief- noch Ausblick an der Pointe Walker

Doch der Schneesturm und die sehr schlechte Sicht lassen uns im Unklaren über den richtigen Weg, obwohl es bei einem Grat eigentlich ein leichtes sein sollte, die richtige Richtung einzuschlagen. Schweren Herzens müssen wir uns von der Idee des alternativen Abstiegsweges verabschieden und stapfen etwas traurig zurück. Mittlerweile sind unsere eigenen Spuren kaum noch auszumachen und wir sind ein wenig froh, doch recht schnell wieder zum Süd-Grat zurückzufinden. Als wollte der Berg uns verhöhnen, wird es nun wieder klar und der Blick zur Pointe Whymper wird frei. Wir wollen uns jedoch nicht womöglich nochmals vom Berg foppen lassen und klettern den Aufstiegsweg zurück. All das dauert seine Zeit, ist angenehmerweise im Abstieg aber nicht mehr anstrengend. Alle schwierigen Stellen erleben wir nun in umgekehrter Reihenfolge - es ist dabei beruhigend für uns, einen in diesem Gelände sicheren Partner zu haben, denn mit der eigenen Kletterei sind wir jeweils ausreichend beschäftigt. An den Reposoir-Felsen angekommen fängt es kurz wieder richtig an zu regnen und zu graupeln, so dass wir unsere Steigeisen sicherheitshalber anlassen und auf dem nassen Fels abstumpfen müssen.


Schlechtes Timing - die Pointe Whymper zeigt sich wieder

Im unteren Teil der Reposoir-Felsen entscheiden wir uns dazu, die letzten Höhenmeter abzuseilen, denn trotz aller Liebe zum Felsklettern, sind wir mittlerweile gelangweilt bis müde davon. Nun wieder im Sonnenschein auf dem Gletscher unterhalb bin ich erstaunt, dass wir den Weg zwischen den ganzen Spalten hindurch im Dunkeln gefunden haben. Eine Spalte muss mit einem großen Satz nach unten übersprungen werden - der Schnee ist angenehm weich und es hat gottseidank Eis darunter!


Abseilen von den Reposoir-Felsen

Auf den letzten Metern zum leichten Felsgelände oberhalb der Hütte steigt die Freude, diese Bergtour auch unter diesen etwas widrigen Umständen gut gemeistert und gesund hinter uns gebracht zu haben - schließlich waren wir die einzigen Hochtouristen, die den Gipfel an diesem Tag erreicht haben. Mit strahlenden Gesichtern wünschen wir uns nochmals ein "Berg heil!" Wieder um einige Erfahrungen reifer verlassen wir den Berg. All das gemeinsam Erlebte werden wir wahrscheinlich nie vergessen und es wird uns stets eine Bereicherung im manchmal so tristen Alltag sein. An welche Tage im Leben wird man sich so strukturiert erinnern können? An jene im Büro wohl kaum! Kraft, Ausdauer und Entschlossenheit haben wir mit dieser Tour getankt - auch wenn wir nach ihr müde Beine und Schlafbedürfnis hatten! Wie sich das Leben auch weiterentwickelt, ob wir diese Tour irgendwann nur als Übungstour in Erinnerung behalten oder wir uns anderen Herausforderungen zuwenden sollten - missen wollen wir diese Erlebnisse nicht!


Berg heil!

Hinweise (Stand 2006): Parkplatz in Planpincieux kostenfrei. Preis für Retourticket Mont-Blanc-Tunnel 39,70 € (Achtung: evtl. erhebliche Wartezeiten wegen neuer Sicherheitsbestimmungen). Die Reposoir-Felsen nicht zu früh auf den Glacier des Grandes Jorasses verlassen - es ereigneten sich bereits mehrere Spaltenstürze mit anschließender Helikopter-Rettung.

Beitrag von: Daniel Roth
31.07.2006
Grandes Jorasses, 25/07/04 excellent conditions (25/07/04)
Besteigungsbericht

Super climb. In a excellent day without cloud or wind. In 7 hours from Boccalatte hutte. A lot of snow in the glacier, crevasses easy to cross. Whymper and Walker climbed. Me and Costa.

Beitrag von: Francesco Rotanodari
27.07.2004
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Bilder
Die Gipfel der Grandes Jorasses vom Dome du Rochefort aus gesehen (28.07.2008)

Beitrag von: Henrik Liers
31.07.2008

Routentopo abfotografiert im Rifugio Boccalatte (gelegen am Kreis zw. Routen 15 und 45). Der Einstieg in die Reposoir-Felsen auf Route 45 ist m.E. mit dem Schlenker nach rechts für die heutigen Verhältnisse nicht mehr optimal. Besser ist es sich links zu halten (siehe mein Bericht: Schneesturm an der Pointe Walker).

Beitrag von: Daniel Roth
11.08.2006

Massiv der Grandes Jorasses morgens von der Aiguille du Midi

Beitrag von: Daniel Roth
10.08.2006

Grandes Jorasses, Aiguille de Rochefort und Dent du Géant (von links nach rechts) von der Aiguille du Midi aus gesehen

Beitrag von: Helmut Maderbacher
13.09.2005

Mont Blanc und Grandes Jorasses im ersten Morgenlicht von der Cabane de Valsorey

Beitrag von: Thomas Schabacher
18.06.2004
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